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Dienen statt herrschen

 

„Mehr dienen als herrschen“, soll der Abt als Vorsteher des Klosters. So schreibt der heilige Benedikt in seiner Regel. Diese Regel verfügt also offenkundig über Werte, die auch bei der Unternehmensführung Gewicht haben können. Das zeigt sich an den Benediktinerklöstern selbst: Seit 1.500 Jahren verbinden sie erfolgreich Spiritualität und Ökonomie. Diese Synthese gilt es zu erhalten und zu gestalten. Ein Blick in das benediktinische Leben macht deutlich, welche Werte Klöster und Unternehmen heute verbinden (können).

Das hat man als Kind vielleicht öfter gehört: „Wenn du nicht parierst, ...“. Dann war klar: Entweder man führt die Anweisungen aus oder muss die Konsequenzen tragen. Parieren stammt vom lateinischen parere. Es beschreibt den willenlosen Gehorsam. Benedikt benutzt dieses Wort in seiner Regel nie, obwohl es in der Mönchsliteratur seiner Zeit absolut üblich war. Er verwendet das Wort obaudire. „Audire“ bedeutet „hören“; die Vorsilbe „ob“ steht für „aufeinander“. Benedikt geht es um das „aufeinander hören“. Darin soll der Abt als Führungskraft Vorbild sein.

A. Der Dreischritt des Hörens

1. Hören im Schweigen – Reflexion und Standortbestimmung
Der erste Vers der Regel bietet einen Dreischritt des Hörens an: „Höre mein Sohn auf die Weisung des Meisters“, das ist gewissermaßen die Überschrift. Benedikt fährt fort: „Neige das Ohr deines Herzens.“ Das bedeutet, nach innen zu gehen, zu reflektieren. Während moderne Leitbilder davon sprechen, dass sich jede Führungskraft zur Selbstreflexion verpflichtet, heißt es bei Benedikt: „Neige das Ohr deines Herzens“, was als „Hören im Schweigen“ verstanden werden kann.

Der Schweigsamkeit widmet Benedikt das ganze sechste Kapitel seiner Regel. Er beginnt es mit dem Satz: „Ich sprach, ich will auf meine Wege achten, damit ich mich mit meiner Zunge nicht verfehle“. „Auf meine Wege achten“ steht für Prozessorientierung. „Damit ich mich mit meiner Zunge nicht verfehle“, zeigt an, wann diese Prozessorientierung zu leisten ist: Bevor ich rede. Bevor man in den Dialog eintritt, ist die Standortbestimmung wichtig. Sie ist Voraussetzung von Führung und Kommunikation im Kloster wie auch überall, wo Menschen miteinander leben und arbeiten.

Zur Reflexion sind im Kloster feste Zeiten und Orte des Schweigens reserviert. Dafür hat das Kloster die Klausur, den abgeschlossenen Lebensbereich. Der Standortbestimmung dienen die Fragen: Wer bin ich? Was will ich? Was kann ich? Deshalb ist es auch so wichtig, dass der Mönch in der Klausur seinen eigenen abgeschlossenen Bereich hat: die Zelle. Zelle heißt im lateinischen „Zimmer“. Schon die Wüstenväter, Menschen, die im 4. Jahrhundert als Einsiedler in den Wüsten Ägyptens und Palästinas gelebt haben, sagen: „Gehe in deine Zelle und sie wird dich alles lehren.“

Erst Selbstreflexion ermöglicht Standortbestimmung und damit Prozessorientierung und Dialog. Deshalb pflegen Mönche feste Zeiten des Schweigens. So beginnt das letzte Gebet des Tages mit einer Gewissenserforschung, bei der jeder Mönch in Stille den Tag bedenkt. Darüber hinaus treffen sich die Mönche einmal im Jahr zu „Exerzitien“, gemeinsamen Reflexionszeiten. Bei Exerzitien erhält die klösterliche Gemeinschaft von einem externen Exerzitienbegleiter Impulse, so dass jeder Mönch seinen Standort reflektieren kann.

2. Hören im Dialog – Suche nach dem Konsens
„Nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an“, fährt das Vorwort der Benediktsregel fort. Das bedeutet in den Dialog zu treten. Dabei ist ein Zuspruch eben nicht Befehl, sondern das Ergebnis des Dialogs. Mit dem gütigen Vater ist der Abt, aber auch die Gemeinschaft selbst gemeint. Nach dem „Hören im Schweigen“ wird das „Hören im Dialog“ fokussiert. „Suche nach einem Konsens“, lässt sich dies umschreiben.

Im dritten Kapitel der Regel legt Benedikt dem Abt nahe: „Tue alles mit Rat, dann brauchst du nach der Tat nichts zu bereuen.“ Für Benedikt ist es entscheidend, dass der Abt in allen wichtigen Angelegenheiten des Klosters den Rat der Brüder einholt. So treffen sich die Mönche regelmäßig, um alle wichtigen Themen zu besprechen. Dabei wird beraten, ob neue Mitbrüder aufgenommen werden oder die Gemeinschaft diskutiert und beschließt ökonomische Weichenstellungen.

Für Benedikt spielt hier der Rat der Jüngsten eine wichtige Rolle. Der Abt soll ihren Rat zum einen deshalb einholen, weil die Jüngsten dem Ideal noch sehr nah sind. Wir sprechen im Kloster vom „Novizen-Eifer“. Die Neueintretenden erinnern daran, wie Mönchtum „richtig geht“. Sie unterhalten sich mit schwierigen Mitbrüdern, verrichten die anfallende Arbeit und erscheinen pünktlich zum Gebet. Zum anderen ist es ein weiterer Vorteil, dass die Jüngsten Routineabläufe hinterfragen. „Warum betet ihr das? Warum sind bestimmte Arbeitsprozesse so?“ Auf diese Weise werden Fehler aufgedeckt, die sich über lange Zeit eingeschlichen haben.

Auch empfiehlt Benedikt dem Abt, den Rat der Senioren einzuholen. Senioren stehen für gewonnene Weisheit. Sie haben Know-how und Erfahrung. Benedikt geht es darum, diese zu nutzen. Er rät dem Abt z. B. eher einen älteren weisen Mitbruder zu einem Mönch zu schicken, mit dem es Probleme gibt, anstatt selbst mit ihm zu reden. Der alte, weise Mitbruder sieht vieles aus einem anderen Blickwinkel. Er kann dem Mitbruder, der z. B. destruktive Kritik übt, verständnisvoll begegnen und von eigenen Erfahrungen berichten. So ist die Weisheit des Alters im Rat der Brüder ebenso gefragt wie der Eifer der Jungen.

3. Die Tat als Konsequenz des Hörens
„Neige das Ohr Deines Herzens, nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an und erfülle ihn durch die Tat.“ So endet der erste Vers im Vorwort der Benediktsregel. Die Tat ist die Konsequenz des Hörens. Der im Dialog gefundene Konsens wird mit Blick auf das gemeinsame Ziel zum Antrieb für die Gemeinschaft und für jeden Einzelnen. Dieser Dreischritt des eifrigen Hörens bietet dazu eine gute Hilfe.

B. Perspektiven

1. Gehorsam und Kundenorientierung
Das Kloster Andechs als ältester Wallfahrtsort Bayerns ist auch durch seine Starkbierprodukte bekannt. Weil die Wirtschaftsbetriebe des Klosters im besten Sinne „gehorsame Unternehmen“ sind, hat die Klosterbrauerei seit 1993 auch Weißbier im Sortiment. Viele bayerische Brauereien hatten seinerzeit längst Weißbier im Angebot. Das Kloster Andechs nicht. So war zunächst die Standortbestimmung gefragt. Klar war: Rund eine Million Menschen besuchen im Jahr das Kloster Andechs. Hier erleben die Besucher die Verbindung von benediktinischer Gastfreundschaft, barocker Kultur und bayerischer Lebensart. Andechser Klosterbiere sollten Botschafter dieser einzigartigen Verbindung sein und bleiben.

Ebenso wichtig war es, „Gehorsam im Dialog“ zu pflegen. Zum einen war auf Kunden und den Markt zu hören, ihn in seiner Vielstimmigkeit transparent zu machen. Zum anderen war im Dialog mit den Mitarbeitern zu klären, welche Möglichkeiten eine mittelständische Brauerei hat, um ein neues Produkt anzubieten. Die Ergebnisse waren ermutigend. Taten sind gefolgt. Heute ist das Weißbier vom Heiligen Berg nicht mehr wegzudenken.

2. Gehorsam und Mitarbeiterorientierung
Ein anderes Beispiel aus der Wirtschaft ist BMW. Regelmäßig wird hier eine flächendeckende Mitarbeiterbefragung nach dem European Foundation for Quality Management (EFQM)-Modell durchgeführt. Die Befragung wurde ausgewertet, die Ergebnisse wieder an die Teams zurückgegeben. Es folgte die Abarbeitung und die Evaluation. Deutlich zeigt sich hier der Dreischritt des Gehorsams: Erstens: Hören im Schweigen“, d. h. jeder Mitarbeiter reflektiert seinen Arbeitsplatz, zweitens „Hören im Dialog“, d. h. die gemeinsame Entwicklung von Maßnahmen, und drittens „Taten folgen lassen“ und diese wiederum durch Evaluation daraufhin zu befragen, ob mit ihnen das verabredete Ziel erreicht wurde.

Benediktiner praktizieren dieses System seit über 1.000 Jahren. Benediktinische Reformbewegungen haben ab dem 11. Jahrhundert die „Visitation“ (dt. „Besuch“) entwickelt, um die „spirituelle Qualität“ in den Klöstern zu sichern. Heute lässt sich dies mit „externer Beratung“ umschreiben. Alle drei Jahre nehmen ein Abt und ein Mönch aus einem anderen Kloster die klösterlichen Abläufe in den Blick. Jeder Mitbruder erhält vor dieser Visitation einen Fragebogen, der alle Bereiche des Klosters berührt. Alle Mönche können so ihren Standort bestimmen. Den ausgefüllten Fragebogen gibt jeder zur Auswertung an die Visitatoren. Diese führen dann mit den Mönchen Einzelgespräche. Sie hören im Dialog. Im Vorfeld konnten sie feststellen, wo die Stärken und Schwächen der Gemeinschaft liegen. Im Dialog mit jedem Mönch wird dies reflektiert. Dabei ist es von Vorteil, dass immer ein Abt und ein Mönch gemeinsam visitieren. Ihre Sichtweisen ergänzen sich. Die Visitatoren erstellen schließlich einen Bericht mit Verbesserungsmaßnahmen, der der Gemeinschaft vorgelegt wird. Die Gemeinschaft setzt dann diese Maßnahmen um. Drei Monate danach berichtet der Prior, der Stellvertreter des Abtes, nicht der Abt selbst, an die Visitatoren, wie weit die Verbesserungen umgesetzt worden sind. Das ist benediktinisches total quality management.

3. Ausblick
Zwar kannte Benedikt den Begriff des life long learning noch nicht, doch beschreibt er die Klostergemeinschaft als „Schule“, in der Menschen lebenslang miteinander und aneinander lernen. Auch vom center of excellence wusste Benedikt nichts. Benedikt beschreibt aber das Kloster als „Werkstatt“, in der Menschen mit- und aneinander arbeiten, um auf dem Weg zu geistlichen Zielen fortzuschreiten, die auch eine materielle Grundlage brauchen.

Die Bilder von „Schule“ und „Werkstatt“ unterstreichen, dass gegenseitiger und strukturierter Gehorsam Nachhaltigkeit und Dauer verlangt. Er will eingeübt und lebendig erhalten werden. Auf Nachhaltigkeit und Dauer angelegter wechselseitiger Gehorsam kann auch unternehmerischen Strukturen den Weg zum Erfolg weisen.

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