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Der nächste lange Aufschwung?
Ob Industrie 4.0 ein neuer Kondratieff-Strukturzyklus wird, entscheiden die Wissensarbeiter

 

Jede Zeit hat ihr technologisches Netz, das den Wandel vorantreibt und den Wohlstand hebt, weil es Zeit und Ressourcen einspart. Die lassen sich dann für andere Bedürfnisse einsetzen – so funktioniert Wirtschaft. Die Dampfmaschine trieb Pumpen an, um Bergwerke zu entwässern – die Menschen konnten so mehr Kohle und Erz fördern; Dampf getriebene Spinnräder waren 200-mal produktiver als Hand-Spinnräder. Mit der Eisenbahn konnte ein Vielfaches mehr an Gütern rentabel verteilt werden, sie sparten dem Menschen Wege-Zeit ein, in der er zusätzliches arbeiten konnte. Der elektrische Strom brachte Massenproduktion, billigen Stahl und Chemie. Mit dem Auto sparte man wieder viel Zeit und konnte noch mehr Güter absetzen. Und anstatt lange in Zettelkästen nach einer Information zu suchen, hatte man sie mit dem Computer nach einem Mausklick sofort. Der Ökonom Nikolai Kondratieff (1892 - 1938) hatte diese langen Zyklen erstmals beschrieben, seit Schumpeter sind sie nach ihm benannt. Immer, wenn sich so eine grundlegende Innovation samt dazu gehörenden Verhaltensweisen durchgesetzt hatte, stotterte der Konjunkturmotor, weil es nichts mehr gab, was einen produktiver machte; es gab nichts mehr, wofür es sich lohnte zu investieren, deswegen sanken die Zinsen gegen Null und die Spekulationspreise für Aktien und Immobilien stiegen zuerst und krachten anschließend zusammen – so wie 1873 beim Gründerkrach nach dem Eisenbahnbau, 1929 nach der Elektrifizierung oder 1974 nach dem Auto. Demnach ist die Weltwirtschaft jetzt so instabil, weil die Zeit vorbei ist, in der uns Computer im großen Stil produktiver machten, einmal mehr ist ein Strukturzyklus zu Ende gegangen. Der Weg aus der drohenden Weltwirtschaftskrise führt wieder hin zu einer Stufe höheren Wohlstandes, und Industrie 4.0 scheint für viele ein Kandidat für den nächsten Aufschwung zu sein.

Viel mehr als Technik
Doch Industrie 4.0 ist viel mehr als nur ein technisches Problem – es reicht nicht, Technik A durch Technik B zu ersetzen, sich bequem zurückzulehnen und so weiter zu machen wie bisher. Denn hinter Maschinen, die sich selber steuern, mit Ersatzteilen und dem Lager kommunizieren – dahinter steckt vor allem die geistige Leistung von Menschen, die sich überlegen müssen, was etwas wann und wie können muss. Arbeit ist nicht mehr, mit Händen die materielle Welt direkt zu bearbeiten, sondern in der gedachten Welt eine Wertschöpfung zu leisten: Planen, organisieren, entwickeln, analysieren und entscheiden, gestalten, verstehen, was der Kunde meint; in der gigantischen Wissensflut die Informationen heraussuchen, die man gerade braucht, um ein Problem zu lösen. Dabei hängt der Wohlstand nicht mehr so sehr von Einzelleistungen wie früher ab, sondern von der Produktivität von Gruppen, von deren Fähigkeit zur Zusammenarbeit. Weil der Einzelne ein Fachgebiet immer weniger überblicken kann, sind wir zunehmend auf das Wissen anderer angewiesen. In einer globalisierten Wirtschaft sind Kapital, Wissen, Maschinen weltweit für jeden verfügbar und austauschbar. Der einzige entscheidende Standortfaktor wird die Fähigkeit der Menschen vor Ort, mit Information umzugehen.

Der nächste Strukturzyklus: Produktiver Umgang mit Information

Umgang mit Wissen ist aber immer Umgang mit anderen Menschen, die wir unterschiedlich gut kennen, unterschiedlich gerne mögen und mit denen wir unterschiedlich viele berechtigte Interessenskonflikte haben. Die nötige Teamarbeit erzeugt dabei ein vermeintliches Machtvakuum, weil nicht mehr klar zu sein scheint, wer das Sagen hat.

Die Knappheit von heute ist immateriell
Die für Informationsarbeit nötigen, flachen Organisationsstrukturen und projektbezogene Teamarbeit vervielfältigen die Schnittpunkte in den Unternehmen und damit die Gründe für Interessenskollisionen und persönliche Spannungen, die nicht nur Zeit und Geld kosten, sondern auch die Beschäftigten krank machen. Wer Informationsarbeit nicht ausreichend effizient löst, der bekommt in Zukunft vordergründig ein „Kostenproblem“ – und wird vom Markt verschwinden. Unter diesem Veränderungsdruck bilden sich neue Verhaltensmaßstäbe heraus. Sie haben weniger mit Fachkompetenz oder Organisation zu tun, sondern damit, wie weit das Verantwortungsgefühl eines Menschen reicht und ob man ausreichend selbstbewusst ist, ohne Statussymbole und firmenöffentliche Machtbeweise auszukommen. Hinter den Preisunterschieden gleicher Produkte verschiedener Firmen verbergen sich Produktivitätsunterschiede – und das sind künftig in erster Linie Verhaltensunterschiede. Kondratieff sagte, dass an den knappen Produktionsfaktoren die Innovationen entstehen. Knapp sind heute nicht so sehr Dinge – unsere Häuser sind alle gesteckt voll vom Keller bis in den Dachspitz hinein. Die Knappheit von heute ist immateriell: Zusammenarbeit, Gesundheit, Bildung, Vertrauenskapital und Berufserfahrung. Nötig sind: Transparenz statt Kungelei, Versöhnungsbereitschaft statt ewiger Fehden, Authentizität statt Blendung, Kompetenz statt Statusorientierung, Kooperationsfähigkeit statt Machtkämpfe, langfristige Orientierung statt Kurzfristigkeit, und eine Verantwortung, die über die eigene Karriere und die eigene Kostenstelle hinausgeht. Wird die Welt der Industrie 4.0 vielleicht doch immer besser?

Erik Händeler ist Zukunftsforscher und freier Wirtschaftsjournalist. Als Spezialist für die Kondratiefftheorie der langen Strukturzyklen ist er ein gefragter Referent. 2010 zeichnete ihn die russische Akademie der Wissenschaften mit der Bronze-Medaille für wirtschaftswissenschaftliches Arbeiten aus. Sein Buch „Die Geschichte der Zukunft – Sozialverhalten heute und der Wohlstand von morgen (Kondratieffs Globalsicht)“ ist 2015 bereits in der 10. Auflage erschienen.

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