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Gründerkultur braucht Eigenkapitalkultur!

 

Umso höher das Risiko eines Unternehmens oder Projekts ist, desto teurer wird das zur Verfügung gestellte Kapital. Innovative Gründungen und die Entwicklung von Innovationen zählen dabei mit zu den riskantesten Anlagemöglichkeiten für Investoren. Dementsprechend hoch ist die erwartete bzw. erhoffte Rendite. Der Einsatz von Fremdkapital ist kaum möglich, da Verluste in der frühen Unternehmensphase bilanziell nur durch Eigenkapital gedeckt werden können. Die Bereitstellung von risikotragendem Eigenkapital zur Finanzierung von innovativen Unternehmensgründungen ist für diese somit überlebenswichtig.

Im internationalen Vergleich wird in Deutschland im Verhältnis zum BIP wenig Risikokapital zur Verfügung gestellt, genauso wie auch das risikoärmere Investment in börsennotierte Unternehmen zu wenig ausgeprägt ist. Die Kapitalmarkttiefe ist im OECD-Vergleich unterdurchschnittlich. Das sog. Ökosystem der Gründungs-, Innovations- und Startup-Finanzierung funktioniert dadurch nur teilweise. Dabei sind Startups als „Schnelldreher“ mit schnellem Exit und/oder schnellem Erreichen des Cash- Break-Even weniger vom Mangel an Kapital betroffen, als Startups mit bahnbrechenden Innovationen im technischen und naturwissenschaftlichen Bereich, z. B. aus den Life Sciences, die teilweise über einen langen Zeitraum durch externes Eigenkapital finanziert werden müssen.

Dies ist zwar grundsätzlich bekannt, jedoch nicht immer klar und differenziert in breiten Teilen der Gesellschaft angekommen. Sogar Unternehmensgründer können die Kosten des Eigenkapitals bzw. die Renditeansprüche der Investoren, häufig 20 – 50 % per anno, teilweise nicht nachvollziehen. Dies hat mitunter zur Folge, dass Gründer und Kapitalgeber während der Beteiligungsverhandlungen stark differierende Erwartungen an die Unternehmensentwicklung und die Bewertung haben. Um doch ein aus Sicht der Kapitalgeber risikoadäquates Investment tätigen zu können, werden ausgefeilte und komplexe Vertragsausgestaltungen verhandelt, welche Risiko vom Investor zum Gründer transferieren.

I.d.R. wird Risikokapital entweder durch Vorzugskapital mit entsprechenden cashflow-relevanten Sonderrechten für die Investoren zur Verfügung gestellt oder der Teil des Investments, welcher in die Kapitalrücklage fließt, wird als verzinsliche stille Beteiligung, teilweise auch als Wandeldarlehen eingebracht. Diese in der Praxis üblichen Ausgestaltungsmöglichkeiten können weitreichende Auswirkungen auf die Auszahlungsstruktur beim Exit haben und wirken implizit wie ein Abschlag auf die eigentlich vereinbarte Bewertung bzw. als Renditehebel. Um zukünftige Missverständnisse zu vermeiden, sollten die im Beteiligungsvertrag getroffenen Vereinbarungen schon vor Vertragsunterzeichnung von allen Parteien verstanden werden. Ob dem so ist, darf daher bezweifelt werden. Ein ökonomisches Verständnis der Risikokapitalverträge ist jedoch eine Mitvoraussetzung für eine verbesserte Eigenkapitalkultur in Deutschland! Auch die sehr geringe Datenlage für Risikokapital in Deutschland trägt zu einem ungenügenden und oft auch falschen Verständnis des Themengebiets bei.

Während der Beteiligungsverhandlung haben Gründer und Kapitalgeber mitunter differierende Erwartungen.

In der politischen Diskussion um die Förderung von innovativen Unternehmensgründungen werden Maßnahmen über den gesamten Beteiligungsprozess von der Gründung bis zum Exit betrachtet, wobei diskutiert wird, ob vorne bei der Gründungsfinanzierung mehr angeschoben oder hinten über den Exit mehr gezogen werden soll. Neben den bereits neu gestarteten Initiativen zur Anschubfinanzierung, z. B. INVEST-Zuschuss für Wagniskapital oder Förderprogramme der KfW, standen insbesondere letztes Jahr auch Diskussionen zur Öffnung des Exitkanals Börse im Fokus: Stichwort „Börse 2.0“. Der aktuelle Gesetzentwurf zur Reform der Investmentbesteuerung sieht jedoch z. B. bei Investments durch eigentlich gewünschte, diversifizierte Fonds in nicht ausschüttende Wachstumsunternehmen eine erhöhte steuerliche Belastung vor, was die Voraussetzung für einen Exit der Kapitalgeber über einen Börsengang verschlechtert. Eigenkapital wird hier mit dem Reformgesetz zukünftig noch teurer und ggü. Fremdkapital weiter diskriminiert!

Dabei scheint es doch einleuchtend, dass gerade Startups mit Potenzial zur Weltmarktführerschaft in einer Nische, diesen Exitkanal zum langfristigen, nachhaltigen und somit für die Volkswirtschaft auch äußerst wünschenswerten Aufbau ihres Unternehmens suchen. Wir warten gespannt auf die Umsetzung des Eckpunktepapiers zum Wagniskapitalgesetz. Gestaltet als eigenes Gesetz oder nicht, die Wirkung zählt. Es müssen auch für private Anleger, ausgehend von einer guten Exitperspektive, markt- und risikoadäquate Verzinsungen in Deutschland stabil erzielbar sein. Gründer, die beherzt mit Mut, Verstand und immensen Leistungen ihre Unternehmen vorantreiben, brauchen mehr Eigenkapital. Sie haben es verdient, dass Vertreter der Politik auch den beherzten Mut zeigen, hier langersehnte Lösungen zur Verbesserung des Standorts Deutschland auf den Weg zu bringen. Wir können es uns nicht leisten, auf die Kraft der Gründer und Startups für ein innovatives Deutschland zu verzichten! Eine gute Eigenkapitalkultur mit markt- und risikoadäquaten Verzinsungen stellt einen wichtigen Teil dar, um dieses Ziel zu erreichen.

Leicht gekürzter Beitrag aus Corporate Finance 6/2016
Dr. Dirk Honold ist Schriftleiter und Mitherausgeber der CORPORATE FINANCE und Professor für Unternehmensfinanzierung an der Technischen Hochschule Nürnberg. Er begleitet zudem Wachstumsunternehmen als Mit- gründer, Aufsichtsrat, Beirat und Coach, insbesondere bei Eigenkapitalbeteiligungen und M&A-Transaktionen.

 

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