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Industrie 4.0: Verlässliche Rahmenbedingungen erwünscht 

 

Bei einer Befragung von mittelständischen Industrieunternehmen in Bayern und Baden-Württemberg gab Anfang 2015 nur gut jedes fünfte von diesen an, einen (sehr) hohen Digitalisierungsgrad bei den Produktionsprozessen zu besitzen. Zum Vergleich: Im Westen Deutschlands (Nordrhein- Westfalen, Rheinland-Pfalz, Hessen und Saarland) waren dies rund 37 % der industriellen Mittelständler.

Auf den ersten Blick mag dieses Umfrageergebnis die aktuell vielfach geäußerte Befürchtung bestätigen, dass der deutsche Mittelstand die Zeichen der sogenannten „Vierten Industriellen Revolution“ noch nicht erkannt habe und dadurch seine Wettbewerbsfähigkeit gefährde. Dem ist jedoch nicht so: Denn ein weiteres Ergebnis der oben erwähnten Befragung belegt, dass jedes dritte mittelständische Industrieunternehmen in Bayern und Baden-Württemberg sehr wohl den digitalisierten Produktionsprozessen eine (sehr) hohe Bedeutung für die eigene Wettbewerbsfähigkeit zumisst. Das Problem: Es fehlen ihnen ebenso wie den industriellen Mittelständlern im Westen und im Osten Deutschlands verlässliche Rahmenbedingungen für die notwendigen Investitionen. Dazu gehört, dass es immer noch Regionen ohne flächendeckende leistungsstarke Breitbandversorgung gibt. Diese ist aber notwendig, um durchgängig hohe Übertragungsraten ermöglichen zu können. Auch ist aktuell immer noch unklar, welche technologischen Standards bzw. Normen sich durchsetzen werden und wie über die Unternehmensgrenzen hinweg die Datensicherheit gewährleistet werden kann. Schließlich ist es für jedes mittelständische Industrieunternehmen unerlässlich, dass seine Produktionsprozesse stabil laufen und das jeweilige Erfolgsgeheimnis nicht von Fremden ausspioniert werden kann. Je kleiner ein Industrieunternehmen jedoch ist, desto schwieriger ist es tendenziell für die Inhaber, die aktuell angebotenen Digitalisierungstechnologien im Hinblick auf deren Einsatzreife zu beurteilen. Eine IT-Abteilung, die diese Aspekte fundiert einschätzen kann, können sich in der Regel nur größere mittelständische Unternehmen leisten. So finden sich automatisierte Strukturen und Prozesse vorrangig in Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten wie die oben zitierte Frühjahrsbefragung 2015 für das BDI-PwC-Mittelstandspanel gleichfalls belegt. Hinzu kommt, dass sich in diesen Unternehmensgrößen Investitionen aufgrund der (höheren) Produktions- und Absatzmengen schneller amortisieren lassen.

Zwar wird bereits seit 2013 an der DKE/DIN-Normungs- Roadmap Industrie 4.0 gearbeitet und der Normprozess berücksichtigt, aber bisher vorrangig die Bedürfnisse der Großunternehmen, da kleine und mittlere Unternehmen kaum über freie Ressourcen verfügen, um sich aktiv in den Normungsprozess einbringen zu können. Würden beispielsweise die Erkenntnisse, die im Zuge der Fördermaßnahme „Mittelstand Digital“ gewonnen wurden, direkt in die Roadmap einfließen, würde dies die Bewertungssicherheit im Mittelstand erhöhen und die Investitionsbereitschaft positiv beeinflussen.

Datensicherheit muss gewährleistet sein
Ein weiteres Hindernis auf dem Weg zu „Industrie 4.0“ in den mittelständischen Unternehmen ist das mangelnde Vertrauen der mittelständischen Unternehmen in die Sicherheit der Datenübertragung. Die Großunternehmen erwarten jedoch in zunehmendem Maße, dass ihre Zulieferer Produktentwicklungsdaten und Bedarfsschätzungen digital über virtuelle Plattformen im Internet mit ihnen austauschen. Aktuell sind allerdings erst 5 % aller mittelständischen Unternehmen in Deutschland bereit, die kostenpflichtigen Cloud-Computing-Dienste im Internet zu nutzen. Der Grund: Neben der Sorge um die Sicherheit ihrer Daten, haben viele Unternehmen Bedenken im Hinblick auf die anwendbare Gerichtsbarkeit, wenn der Cloud-Server in einem anderen (außer-)europäischen Land steht. Um die Innovationsbereitschaft zu fördern, ist daher sicherlich eine unabhängige Zertifizierung der Cloud-Computing-Dienste im Internet notwendig.

Unabhängig von den technologischen Herausforderungen klagen die mittelständischen Unternehmen zudem über den Bürokratieaufwand, der mit Forschungsförderprogrammen verbunden ist. Dies schreckt insbesondere kleinere Unternehmen oftmals ab, staatliche Unterstützungsmaßnahmen anzunehmen. Auch hier ist sicherlich noch Handlungsbedarf von Seiten der Wirtschaftspolitik.

Arbeitsalltag im Wandel
Die digitale Vernetzung unterschiedlicher Funktionsbereiche, sowohl unternehmensintern als auch entlang der gesamten Wertschöpfungskette, erfordert letztlich aber auch eine veränderte und teilweise höhere Qualifikation der Beschäftigten. Deutlich unbegründeter dürfte dagegen die vielfach geäußerte Sorge sein, „Industrie 4.0 führe zu Arbeitsplatzverlust“. Dies trifft vorrangig auf einfache Standardtätigkeiten zu. Im Vergleich dazu sind in den vergangenen Jahrzehnten aber auch zahlreiche neue Arbeitsplätze durch die zunehmende Digitalisierung entstanden. Begünstigt wurde dies durch den sektoralen Strukturwandel, im Zuge dessen Berufe an Bedeutung gewonnen haben, in denen die Informationsbe- und -verarbeitung sowie die Wissensvermittlung im Vordergrund stehen. Exemplarisch hierfür ist der Start-up-Boom zu sehen. Aber auch die Tatsache, dass in deutlich höherem Maße inzwischen individuelle Produkte mit Hilfe der digitalen Technologien angeboten werden, ist eine Folge dieser Entwicklung.

Eine wesentliche Herausforderung für die Mitarbeiter in den mittelständischen Industrieunternehmen wird es zukünftig sein, die einzelnen Herstellungsschritte rund um ihren Arbeitsbereich zu reflektieren und aktiv Verbesserungen zu initiieren. Erst dann ist eine optimale Vernetzung aller Prozesse sowohl unternehmensintern als auch über die Grenzen hinweg zu den Kooperationspartnern möglich. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass in den Unternehmen flexiblere Organisationsstrukturen geschaffen werden und das interdisziplinäre Denken der Mitarbeiter gefördert wird.

Viele Unternehmenslenker haben die Notwendigkeit von IT-Fortbildungsmaßnahmen bereits erkannt: Vor zwei Jahren lag der Anteil der kleinen und mittelgroßen Unternehmen, die ihre Mitarbeiter entsprechend schulen lassen, bereits bei 29 % und damit deutlich über dem europäischen Durchschnitt (22 %). Nur in Finnland (38 %), Österreich (33 %) und Belgien (31 %) bereiteten zu diesem Zeitpunkt mehr Unternehmen ihre Mitarbeiter gezielt auf die digitale Herausforderung vor. Allerdings belegt auch in diesem Zusammenhang das BDI-PwC-Mittelstandspanel von 2015, dass mittelständische Industrieunternehmen mit 100 und mehr Beschäftigten im fehlenden Know-how der Mitarbeiter deutlich häufiger Schwierigkeiten sehen als kleinere Mittelständler. Angesichts des Fachkräftemangels ist es jedoch für die kleineren Industrieunternehmen existenziell notwendig, darauf zu achten, dass sie nicht ins Hintertreffen gegenüber den Großunternehmen geraten.

Aber auch im Hinblick auf die sich wandelnden Arbeitsformen und Organisationsstrukturen gibt es bei den kleinen und mittleren Unternehmen noch Handlungsbedarf: Denn Industrie 4.0 wird nicht nur zu neuen Aufgabenzuschnitten und Verantwortlichkeiten führen, sondern auch zu einer veränderten präventiven Arbeitsgestaltung. Neben den unternehmensinternen Veränderungen im Arbeitsalltag stehen aber auch das duale Ausbildungssystem und die Hochschulausbildung vor der Aufgabe, die neuen Herausforderungen der Digitalisierung in das jeweilige Bildungs- Portfolio aufzunehmen.

Industrie 4.0 ist nur ein Teil der Digitalisierung
Insgesamt stellt also das Thema „Industrie 4.0“ den Mittelstand noch vor zahlreiche Herausforderungen. Gleichwohl darf man aber auch nicht außer Acht lassen, dass dieses Thema ausschließlich die Industrieunternehmen betrifft. Betrachtet man den Mittelstand insgesamt, zu dem beispielsweise auch die Handelsunternehmen, Freiberufler und Dienstleister gehören, wird man feststellen, dass die Digitalisierung dort bereits die Geschäftsmodelle und -abläufe in nahezu allen Wirtschaftssektoren verändert hat. So bekundeten unabhängig von der Unternehmensgröße und Branche 60 % der Mittelständler bei einer Umfrage im Großraum Düsseldorf, dass „die Digitalisierung die Arbeitsabläufe in ihren Unternehmen grundsätzlich vereinfacht“. Mit anderen Worten: Der deutsche Mittelstand ist mehrheitlich durchaus offen für die digitale Zukunft: Um wettbewerbsfähig zu bleiben, sind die Unternehmen bereit, die jeweiligen Chancen der digitalen Technologien auszuloten, die Prozesse zu vereinfachen und Einsparpotenziale zu nutzen. Voraussetzung ist jedoch, dass sie verlässliche Rahmenbedingungen finden, die ihnen weiterhin ein zuverlässiges Wirtschaften ermöglichen.

Die Autorin ist Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn und zugleich Inhaberin eines Ökonomielehrstuhls in Siegen. 

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